September 12, 2018

Populistische Parteien in Westeuropa machen sich Anti-Establishment-Frustgefühle zu Nutze, finden aber wenig Anklang unter Vertretern der jeweils anderen ideologischen Überzeugung

Die ideologische Gesinnung ist nach wie vor ein bedeutender Faktor für die Bewertung zentraler politischer Fragen durch Europäer

Protesters in Kandel, Germany, demonstrate over migration politics and domestic security in April. (Uli Deck/Picture Alliance via Getty Images)
(Uli Deck/Picture Alliance via Getty Images)

Dieser Text wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Einem neuen Bericht des Pew Research Center zufolge lässt sich die das Establishment ablehnende Haltung, die den modernen populistischen Bewegungen in Westeuropa Auftrieb verliehen hat, auf der linken und rechten Seite des ideologischen Spektrums wie auch in der Mitte ansiedeln.

Menschen mit populistischen Ansichten sind von traditionellen Institutionen wie nationalen Parlamenten und der Europäischen Union frustriert. Darüber hinaus sind Sie relativ besorgt um die Wirtschaftslage und beunruhigt darüber, welche Folgen die Einwanderung für die Gesellschaft hat. Diese Unzufriedenheit könnte zumindest teilweise erklären, weshalb sie populistischen Parteien gegenüber aufgeschlossener sind. Ungeachtet ihrer populistischen Ansichten bevorzugen die Befragten jedoch Parteien, die auf einer Linie mit ihren eigenen ideologischen Überzeugungen liegen.

Die ideologischen Unterschiede zwischen einer linken und einer rechten Gesinnung fallen weiterhin mehr ins Gewicht als populistische Sympathien, wenn es um die Beurteilung der Rolle des Staates in der Wirtschaft, der Rechte von Lesben und Schwulen, der Rolle der Frau in der Gesellschaft und auch der Folgen der Einwanderung geht.

Diese Erkenntnisse stammen aus einer umfassenden Meinungsforschungsstudie des Pew Research Center, die das politische Umfeld in acht westeuropäischen Ländern  – Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Spanien, Schweden und dem Vereinigten Königreich – untersucht und auf einer Umfrage unter 16.114 Erwachsenen basiert, die vom 30. Okt. bis 20. Dez. 2017 durchgeführt wurde.

In diesem neuen Bericht des Centers werden die Umfrageteilnehmer auf der Grundlage ihrer eigenen Einordnung auf dem ideologischen Links-Mitte-Rechts-Spektrum sowie ihrer populistischen Ansichten in entsprechende Gruppen eingeordnet. Als Bemessungsgrundlage diente die Meinung der Befragten, ob gewöhnliche Menschen die Probleme des Landes besser lösen würden als gewählte Amtsträger und ob es die meisten gewählten Amtsträger interessiert, was Menschen wie sie selbst denken. Aus dieser Kombination von Ideologie und establishmentkritischen Ansichten konnten sechs politische Gruppen definiert werden: linke Populisten, linker Mainstream, Populisten der politischen Mitte, mittlerer Mainstream, rechte Populisten und rechter Mainstream. Hier die wichtigsten Erkenntnisse dieser Studie:

Staat und Wirtschaft: Die Trennlinie zwischen links und rechts beeinflusst die Haltung zur Rolle des Staates in der Wirtschaft mehr als die Trennlinie zwischen populistischen und Mainstream-Gruppen. So glauben im Vereinigten Königreich beispielsweise fast sieben von zehn dem linken Mainstream zuzuordnende Umfrageteilnehmer (68 %), dass der Staat den Menschen beim Erreichen eines angemessenen Lebensstandards helfen sollte. Nur etwa ein Drittel des rechten Mainstreams (32 %) teilt diese Meinung; der Unterschied beträgt also 36 Prozentpunkte. Bei diesem Thema sind die Abstände zwischen den populistischen und Mainstream-Gruppen im Vereinigten Königreich an jedem Punkt des ideologischen Spektrums deutlich kleiner: 16 Punkte zwischen rechten Populisten und dem rechten Mainstream, 11 Punkte zwischen den beiden linken Gruppen und nur 4 Punkte zwischen den Gruppen der politischen Mitte. 

Populismus und Einwanderung: Eine linke bzw. rechte Ideologie ist die auffälligste Trennlinie in Bezug auf die Ansichten der Allgemeinheit zum Thema Einwanderer. Dennoch sind im gesamten Links-Rechts-Spektrum Umfrageteilnehmer mit populistischen Ansichten Einwanderern gegenüber einheitlich negativer eingestellt als die dem Mainstream zuzuordnenden Befragten mit derselben ideologischen Verortung. So neigen beispielsweise sowohl den linken Populisten als auch dem linken Mainstream zugehörige Befragte in den Niederlanden weniger als ihre rechts stehenden Pendants zu der Aussage, dass Einwanderer zu einem erhöhten Risiko von Terroranschlägen führen. Gleichzeitig aber äußern linke Populisten (38 %) größere Bedenken als der linke Mainstream (26 %). In ähnlicher Weise nehmen die Gruppen der politischen Mitte und der rechten Populisten in den Niederlanden hinsichtlich einer Vielzahl von Fragen zu Einwanderern generell eine negativere Haltung ein als die Gruppen der politischen Mitte bzw. des rechten Mainstreams. In nahezu jedem Land, in dem die Umfrage stattfand, sind die rechten Populisten die Einwanderern gegenüber tendenziell am negativsten eingestellte Gruppe.

Misstrauen gegenüber Institutionen: Menschen mit populistischen Ansichten auf dem gesamten ideologischen Spektrum ist eine tiefe Unzufriedenheit mit traditionellen Institutionen gemein, wozu die nationalen Parlamente, die Nachrichtenmedien, Banken und die EU gehören. Tatsächlich sind populistische Ansichten hinsichtlich der Haltung zu der in Brüssel ansässigen EU häufig eine wichtigere Trennlinie als die jeweilige Ideologie. So gaben beispielsweise in den Niederlanden etwa sechs von zehn oder weniger Befragte in den drei populistischen Gruppen an, dass die Mitgliedschaft in der EU sich positiv auf die Wirtschaft ihres Landes ausgewirkt habe. Im Vergleich dazu wird diese Frage von drei Vierteln oder mehr der dem (linken, mittleren oder rechten) Mainstream zuzuordnenden Befragten bejaht.

Politische Parteien: Auch wenn Menschen mit populistischen Ansichten populistische Parteien stärker unterstützen als dem Mainstream zuzuordnende Umfrageteilnehmer, haben sie die konventionellen politischen Parteien doch nicht völlig aufgegeben. Stattdessen geben die Umfrageergebnisse zu erkennen, dass sie Parteien unterstützen, deren Programme mit ihrer eigenen ideologischen Haltung vereinbar sind. Frankreich illustriert diese Dynamik besonders gut. Mehr als vier von zehn Befragten des rechten Mainstreams (46 %) und der rechten Populisten (44 %) haben eine positive Meinung von den Republikanern (LR), der traditionellen konservativen Partei Frankreichs. Diese Meinung wird von weniger als zwei von zehn Befragten im linken Mainstream (15 %) und der linken Populisten (11 %) geteilt. Beide linken Gruppen haben eine positivere Einstellung zur traditionellen linken Sozialistischen Partei (PS) als jede der rechts einzuordnenden Gruppen. Die beiden populistischen Parteien in Frankreich, die am gegenüberliegenden Ende des ideologischen Spektrums verortet sind – die  rechte Nationale Front unter Führung von Marine Le Pen und die linke Partei La France Insoumise unter Führung von Jean-Luc Mélenchon – finden größten Anklang bei Befragten mit populistischen Ansichten, die ihrem jeweiligen ideologischen Lager angehören.

Zu LGBT-Rechten, Geschlechterrollen: Die meisten Menschen in Westeuropa treten dafür ein, schwulen Männern und lesbischen Frauen das Adoptieren von Kindern zu gestatten, und viele sind auch der Meinung, dass das Familienleben davon profitiert, wenn Frauen in Vollzeit arbeiten. Diese Ansichten sind zwar relativ weit verbreitet, aber bei Menschen, die eine linke Ideologie vertreten, wahrscheinlicher als bei Menschen mit rechten Überzeugungen. Populistische Sympathien spielen in diesem Bereich eher eine untergeordnete Rolle.

Der vollständige Bericht ist nur in englischer Sprache erhältlich.